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Hier stellen wir einige ausgesuchte Berichte und Quellen zum Thema ein:



"Demokratie-Geschichte: Keine Ahnung, nie gehört"

Warum nur wollen so viele Deutsche nichts von der Geschichte ihrer Demokratie wissen? Mutmaßungen zum 18. März


Von Benedikt Erenz - 18. März 2016 DIE ZEIT Nr. 13/2016, 17. März 2016
Mit freundlicher Genehmigung des Autors.


Ein gebildeter deutscher Bürger spricht zu uns: Georg Cremer, geboren 1952 in der Bundesrepublik, Volkswirtschaftler und Statistik-Experte, Generalsekretär eines der größten deutschen Wohlfahrtsverbände. Er habe, so gab er vor wenigen Tagen in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung zu Protokoll, erst in der Fremde, während eines Aufenthalts im diktatorisch beherrschten Indonesien der achtziger Jahre, "verstanden, wie wichtig Rechtssicherheit" sei. Seit damals habe er "eine Dankbarkeit entwickelt, Bürger einer gefestigten Demokratie zu sein".
Der Leser stutzt und staunt. Er fragt sich, ob es sein kann, dass dieser weltgewandte Mann nicht weiß, wie lange es in Deutschland gedauert hat, bis hier Rechtssicherheit und Demokratie Wirklichkeit wurden. Ob er nie etwas erfahren hat über all die Kämpfe, die es von der Französischen Revolution bis zur Bundesrepublik brauchte, von all den Frauen und Männern, die dieser Freiheit durch bittere Niederlagen, Krisen und Katastrophen hindurch den Weg bereitet haben. Nein, davon hat dieser wackere deutsche Bildungsbürger ganz offensichtlich nie etwas gehört. Denn sonst hätte es nicht der Erfahrung einer Diktatur am anderen Ende der Welt bedurft, um für den demokratischen Rechtsstaat "dankbar" zu sein.
Ähnlich verblüfft der Kommentar von Katja Thorwarth, einer jungen Journalistin, Online-Redakteurin der Frankfurter Rundschau. Die Parole "Wir sind das Volk", so schreibt sie nach den Exzessen in Sachsen, gehöre "auf die Müllhalde der Geschichte". Allerdings scheint sie diese Geschichte oder Müllhalde nicht sonderlich gut zu kennen, erwähnt sie doch mit keiner Silbe den Ursprung des missbrauchten Wortes.
Er findet sich natürlich weit vor der Pegida-Szene von heute, weit auch vor den Tagen von Leipzig 1989. Der Satz stammt aus dem 19. Jahrhundert. Ferdinand Freiligrath formulierte ihn im Revolutionsjahr 1848, nach Versen des schottischen Barden Robert Burns. Es sollte, wie Michail Krausnick 2010 zum 200. Geburtstag des Dichters in der ZEIT schrieb, Freiligraths "bekanntestes politisches Gedicht werden, trostreich erinnert noch von den Eingekerkerten im KZ Buchenwald, gern auch gesungen von den Liedermachern der siebziger Jahre, im Westen wie im Osten". Freiligrath hatte es dem Ancien Régime entgegengeschleudert: "Nur, was zerfällt, vertretet ihr! / Seid Kasten nur, trotz alledem! / Wir sind das Volk, die Menschheit wir, / Sind ewig drum, trotz alledem! / Trotz alledem und alledem: / So kommt denn an, trotz alledem! / Ihr hemmt uns, doch ihr zwingt uns nicht – / Unser die Welt trotz alledem!" Nicht dieses leidenschaftliche Wort, dies Verlangen nach Freiheit, Brot und Recht, gehört auf den Müllhaufen der Geschichte, sondern das Ressentiment derer, die es heute als völkische Parole missbrauchen.
Schade. Unendlich schade: Die meisten Deutschen wissen nichts von ihrer Demokratie- und Parlamentsgeschichte, nichts von der großen Chronik der Freiheit. Und es sind gerade die vermeintlich Aufgeklärten, es sind die professionellen Politikmacher und -vermittler in den Parteien und Medien, die hier indolent versagen. Sie kennen weder die Vorkämpfer der deutschen Demokratie zur Zeit der Französischen Revolution noch die Vormärzstreiter, die 1832 auf dem Hambacher Fest Flagge zeigten (und zwar die jetzt in Dresden ebenfalls missbrauchte schwarz-rot-goldene), noch die Revolutionäre und Verfassungsautoren von 1848, noch die großen Parlamentarier des Kaiserreichs.
Gerade sie, von den Genannten uns zeitlich am nächsten, scheinen besonders vergessen. Im Londoner und Pariser Parlament sind die Vorgänger selbstverständlich gegenwärtig, ob Fox oder Jaurès. Im Bundestag hingegen wird man wohl niemanden finden, dem die Taten und Ansichten von Lasker, Richter oder Windthorst noch ein Begriff sind. Und über August Bebel weiß der gelernte Sozialdemokrat vielleicht gerade noch, dass der eine goldene Taschenuhr besaß.
Wie grotesk ist schon allein der Unwillen, den 18. März zum Gedenktag zu erklären! Den Tag, als 1793 in Mainz die erste Republik auf deutschem Boden ausgerufen wurde, als 1848 in Berlin die Revolution triumphierte und 1990 die Bürger der DDR in ihrer ersten freien Wahl den Weg für die Wiedervereinigung frei machten. Eigentlich müsste dieser Tag Nationalfeiertag sein, aber bis heute hat er es nicht einmal zum offiziellen Gedenktag geschafft.
Warum? Warum nur weiß die Republik nichts von ihren Ursprüngen, von ihrer politischen Leitkultur? Will es offenbar nicht wissen?
Das hängt vor allem mit der Gründungslegende der Bundesrepublik zusammen. Es ist ein zähes "Narrativ" (wie der Historiker à la mode sagt), über Jahrzehnte quer durch alle politischen Milieus kolportiert. Demnach haben erst die amerikanischen Missionare, unterstützt von Briten und Franzosen, 1945 die Demokratie nach Dunkeldeutschland gebracht und die Eingeborenen, politische Analphabeten und Heiden, die weiter Wotan Hitler huldigten, zu frommen Republikanern gemacht. Der Bundeskanzler Helmut Schmidt fasste dieses Narrativ einmal in das etwas beklemmende autobiografische Bekenntnis, er habe "von Demokratie das erste Mal im Kriegsgefangenenlager 1945 gehört". Er habe überhaupt nicht gewusst, was das sei. Die Demokratie, so bekommt man es noch immer in den Festreden zum "Tag der Deutschen Einheit" zu hören, war "ein Geschenk" an die Deutschen, eine Art Überraschungs-Ei, das ihnen letztlich ein göttlicher Zufall beschert hat.
Tatsächlich aber war die deutsche Demokratie hart erkämpft. Denn schon lange vor der Zerstörung Deutschlands 1933 ff. gab es überall Parlamente und Parteien, hatte sich in Stadt und Land, in immer neuen Anläufen und Demokratisierungsschüben, politisches Leben entfaltet. Ohne diese parlamentarische Erfahrungsbasis hätte das Grundgesetz, hätte unsere Republik von 1949 trotz "Wirtschaftswunder" überhaupt keine Chance gehabt.
Es sind faszinierende Biografien und Schicksale, die sich mit dieser Geschichte verbinden. Ein Mann wie Adam Itzstein zum Beispiel: als Student Mitglied im Mainzer Freiheitsklub, Teilnehmer am Hambacher Fest 1832 und Organisator der demokratischen Liberalen, Förderer Robert Blums und Friedrich Heckers, zuletzt im Frankfurter Parlament. Ein großartiger, leidenschaftlich kluger politischer Kopf, dem man für seine Arbeit, um das Wort noch einmal aufzugreifen, nur "dankbar" sein kann. Oder eine Frau wie Mathilde Anneke, geboren 1817 im Bergischen an der Ruhr: Früh machte sie sich als Journalistin selbstständig – damals natürlich unerhört –, engagierte sich in radikaldemokratischen Bünden und zog 1849 zusammen mit ihrem Mann für die Verfassung der Paulskirche in die Schlacht. Nach der Niederlage fand sie Asyl in den USA, wo sie weiter für die Freiheit stritt: gegen die Sklaverei und als Suffragette für die Rechte der Frauen.
Itzstein, Anneke ... und all die anderen: Robert Blum und Johann Jacoby, Riesser, Raveaux und Wilhelm Schaffrath, Emma Herwegh, Henriette Venedey und Amalie Struve – warum nur sind sie in Deutschland vergessen?
Weil man sie als Gescheiterte betrachtete, als Besiegte? Gescheitert sind auch viele Freiheitskämpfer und politische Avantgardisten in anderen Ländern, und doch hat man ihnen Denkmäler errichtet und nennt ihre Namen. Was wurde unter Napoleon aus der Republik, für die ein Condorcet gestritten hatte? Was wurde aus dem Polen, für das Kościuszko in den Krieg gezogen war? Was aus dem ersten freien Staat Lateinamerikas, den Toussaint Louverture auf Hispaniola erkämpft hatte? Was aus Mazzinis freier Republik Italien?
Gescheitert sind sie zu ihrer Zeit alle, und doch käme niemand in Frankreich oder Polen oder in Haiti auf die Idee, ihre Namen aus der kollektiven Erinnerung zu löschen. Als in Spanien 2012 der 200. Jahrestag des ersten Grundgesetzes, der Verfassung von Cádiz, mit Pomp begangen wurde, fragte niemand groß danach, wie lange sie tatsächlich in Kraft geblieben war. Dagegen ist über ein ähnliches Volksfest zum 150. Jahrestag der Paulskirchenverfassung 1999 nichts bekannt.
Vor allem aber, "trotz alledem und alledem": Die Niederlage der deutschen Demokraten und Republikaner war ja eben nicht endgültig. 1945, als die antidemokratische Rechte, als der preußische Militärstaat und der völkische Führerstaat gemeinsam zur Hölle fuhren, schlug ihre Stunde, die Stunde einer stabilen, vitalen deutschen Republik. Damals fiel die Entscheidung leicht, die im Bombenkrieg verwüstete Frankfurter Paulskirche wiederherzustellen: zum 100. Jahrestag der Revolution 1948, als Symbol einer deutschen Kontinuität der Freiheit.
Heute steht in Koblenz am Deutschen Eck wieder das 1945 abgeräumte Kaiserstandbild von 1897 auf dem Postament, werden das Berliner Hohenzollernschloss und die Potsdamer Garnisonkirche rekonstruiert. Mehr als etwas verlegene kunsthistorische oder städtebauliche Argumente lassen sich dafür allerdings kaum mehr finden, und es ist nicht ohne Komik, dass in Berlins barocken Plattenbau ein Völkerkundemuseum einziehen soll.
Die Ignoranz ist zäh. Selbst das Engagement des Bundestags hält sich in Grenzen. Zwar haben seine prägenden Präsidenten der letzten Jahre manch gute Rede zur Tradition gehalten. Doch blieb und bleibt dies Bemühen halbherzig, sporadisch, murmelnd, ohne dauerhafte Konsequenz. Es gibt vonseiten des Bundestags keine öffentlich wirksame Erinnerung an Deutschlands Parlamentarier vor 1933, keine Dokumentationsstätte, keinen Erinnerungslernort, nichts.
Besonders traurig zeigt sich dieses Desinteresse in der Paulskirche. Während nur wenige Meter entfernt mit Verve eine putzig-butzige Altstadtsimulation hochsprießt, gammelt das alte Heiligtum der Republik auf ächtfrankfurtsche Art vor sich hin. Es ist an der Zeit, dass der Bundestag es in seine Obhut nimmt und hier einen angemessenen, zeitgemäßen, einen lebendigen Ort der Demokratiegeschichte schafft.
Dabei wollen wir nicht ungerecht sein: Das Eulchen der Minerva war fleißig, vieles wurde seit 1945 gesichtet und erforscht. Die Protokolle des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents in Mainz sind längst ediert, genauso wie die des "Jakobinerklubs" von Landau in der Pfalz und die ersten deutschen Verfassungsentwürfe aus der Zeit um 1800. Zum Hambacher Fest erschienen, im Rhythmus der Jahrestage, eine Vielzahl von Büchern, zur Wiederkehr des Revolutionsjubiläums 1998 etliche wissenschaftliche Großwerke und prächtige Ausstellungskataloge. Und wenn uns auch eine Biografie Adam Itzsteins, die immer noch fehlt, mehr interessierte als eine weitere über Metternich, so sei gleich an Helmut Reinalters großartiges Biographisches Lexikon der demokratischen und liberalen Bewegungen in Mitteleuropa erinnert, das voriges Jahr in neuer Auflage erschienen ist. Oder an Walter Schmidts Reihe Akteure eines Umbruchs, die Porträts von Politikern aus der Zeit um 1848 versammelt und inzwischen den vierten gewichtigen Band erreicht hat. Herrlicher Lesestoff!
Doch das meiste bleibt im Kreis der Spezialisten und Experten, verschwindet in abgelegenen Zeitschriften, im akademischen Darknet. Denn es gibt kaum Vermittlung, es gibt keine nationale Institution, die Deutschlands demokratische Tradition ins öffentliche Bewusstsein rückt, ins politische Leben bringt. Die rührende "Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte" im badischen Rastatt ist, man kann es nicht anders sagen, ein Ort im Abseits: eine bloße Außenstelle des Koblenzer Bundesarchivs, ein kleines Museum (zur Untermiete in einem gewaltigen Barockschloss), das noch nie durch eine große Ausstellung auf sich aufmerksam machen konnte. Bundespräsident Gustav Heinemann hatte es 1974 gegründet, und eigentlich sollte es nur ein Anfang sein. Doch über diesen Anfang ist es nie hinausgelangt. "Nichts kann uns hindern", hatte Heinemann 1970 in seiner berühmten Ansprache zum Bremer Schaffermahl erklärt, "in der Geschichte unseres Volkes nach jenen Kräften zu spüren und ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die dafür gelebt und gekämpft haben, damit das deutsche Volk politisch mündig und moralisch verantwortlich sein Leben und seine Ordnung selbst gestalten kann."
Ein vergeblicher Appell. Zwar gibt es seit 2002 eine "Kulturstiftung des Bundes" und schon seit 1993 eine "Deutsche Nationalstiftung", aber bis heute keine "Deutsche Demokratiestiftung". Was nicht weiter verwundert, zumal das demokratiehistorische Interesse auch der Parteien sich im allerengsten Horizont erschöpft. In der CDU reicht es gerade mal bis Adenauer, die SPD bleibt auf die Chronik der Arbeiterbewegung beschränkt, die Grünen haben noch nie etwas von einer deutschen Geschichte vor 1933 gehört, und die Linke wird wohl kaum je über die Debatte um den Unrechtsstaat DDR hinausgelangen.
Jammerschade aber auch, dass Deutschlands populäre Medien, vor allem das Fernsehen, hier einen wahren Schatz an spannenden Storys (mit pilcherkompatiblem Herz- und Schmerzanteil) links liegen lassen. Wenn man nur an die Geschichte der Herweghs denkt: wie Emma ihre Freischärler des Nachts durch die Wälder führt. Oder wie Carl Schurz, der spätere US-Innenminister, seinen Mitstreiter Gottfried Kinkel aus dem Berliner Gefängnis befreit. Wie Robert Blum vor der Hinrichtung am 9. November 1848 in Wien den letzten Brief an seine Frau schreibt. Wie Hecker 1873 aus den USA zurückkehrt und, immer noch als Freiheitskämpfer gefeiert, mit kritischem Blick durch Bismarcks Deutschland reist. Alles Dreiteiler, mindestens. Und während in New York ein Musical über den amerikanischen Revolutionshelden Alexander Hamilton triumphiert, geht hierzulande mal wieder Sissi auf Tournee. Vater dieser Schmonzette ist der erfolgsverwöhnte Librettist Michael Kunze, der für Udo Jürgens und andere Stars die Schlager schrieb. 1990 veröffentlichte er einen tausendseitigen Roman über Gustav Struve, den Mitstreiter Heckers: Der Freiheit eine Gasse. Wäre doch auch mal ein Musical!
Aber darauf werden Deutschlands Musikfreunde wohl vergebens hoffen. Für die meisten Landsleute bleibt die Demokratie eine ebenso geschichts- wie gesichtsloses Veranstaltung, die sie mit keinerlei historischer Gestalt, keinerlei Schicksal verbinden. Ein Geschenk eben, für das man den Amerikanern dankbar sein muss.
Doch diejenigen, die unsere Demokratie in Jahrhunderten vorbereiteten, hat dieses "Geschenk" viel, sehr viel gekostet. Dankbar dafür muss heute niemand mehr zu sein. Aber kennen sollte die Republik ihre Geschichte schon.




220 Jahre Bundesrepublik Deutschland

Die Geschichte unserer Demokratie begann lange vor 1949 – es ist eine eindrucksvolle, bewegende Geschichte


Von Benedikt Erenz - 20. Mai 2009 DIE ZEIT
Mit freundlicher Genehmigung des Autors.


Die Republik hat gesiegt. Ihre Gegner hat die Geschichte verschlungen. Die rechten Antidemokraten, von den Monarchisten bis zu den Faschisten, sind 1945 zur Hölle gefahren, die linken 1989 zu Staub zerfallen, als über Leipzig die Freiheitssonne aufging.
Die Republik hat gesiegt. Es hat ein bisschen gedauert. Aber selbst nebenan im Westen brauchte es drei Revolutionen und eine vernichtende Niederlage im Krieg (1870), bis sich die République française endgültig durchgesetzt hatte. Auch in anderen Ländern Europas , auch in Österreich, auch in Spanien oder Portugal oder Italien, auch in der Türkei war es für die Demokratie nicht leicht.
Die Republik hat gesiegt. Doch verzagt und verdruckst blickt sie zurück auf ihren langen Freiheitskampf. Noch immer tun viele so, als sei die Bundesrepublik ein Geschenk der westlichen Alliierten gewesen, noch immer beginnen alle Chroniken 1949. Es ist wahr: Ohne die völlige Zerschlagung des »Dritten Reichs« hätte es den Bonner Anfang nicht gegeben. Genauso wahr ist aber auch, dass diese Demokratie ohne die Freiheitsbewegungen und parlamentarischen Erfahrungen der Deutschen in den anderthalb Jahrhunderten zuvor kein Erfolg geworden wäre. Nicht 60 Jahre Bundesrepublik sind in diesem Jahr zu feiern, sondern 220 Jahre: 220 Jahre Kampf um eine moderne parlamentarische Demokratie in Europa.
»Sie, und nicht wir«, hatte damals, 1789, Friedrich Klopstock mit Blick auf den Bastillesturm und die beginnende Revolution der Franzosen bedauernd geklagt. Schon im Jahrzehnt zuvor waren viele seiner Landsleute nach London gepilgert, um dort staunend die Debatten im Unterhaus zu verfolgen. Doch so still es nach außen hin blieb in Wien und Berlin und all den anderen fauligen Residenzen und Residenzchen – jetzt gärte es auch hier.
Überall bildeten sich dissidente Zirkel. In den Universitätsstädten trafen sich die freiheitsbegeisterten Studenten, in Hamburg feierten demokratisch entflammte Bürger ein Revolutionsfest, und in Königsberg vergaß Immanuel Kant zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben die Uhrzeit. Man verfolgte mit heißen Wangen die Nachrichten aus Paris und hoffte auf den Wind aus Westen, die Fürsten verschärften die Zensur. Im Rheinland, wo die Franzosen nach dem gescheiterten Rachefeldzug des Alten Europas gegen das neue Frankreich Fuß gefasst hatten, waren die Deutschen zur revolutionären Praxis übergegangen: In Mainz wurde 1793 die Republik ausgerufen. In Köln , aber auch in Ulm und anderen Reichsstädten, feilte man an neuen Konstitutionen. 1799 erschien in Basel eine Verfassungs-Urkunde wie sie in Deutschland taugen möchte: der erste Verfassungsentwurf für ein republikanisch gestaltetes Reich.

Das Vermächtnis von 1848 blieb lange lebendig

Die napoleonische Zeit brachte neue Anstöße. In Kassel, der Hauptstadt des »Modellstaats« Westphalen, wurde von 1808 bis 1810 das erste deutsche Parlamentsgebäude eingerichtet. Das Hohe Haus und seine Herren hatten indes nur begrenzte Kompetenzen, ähnlich jenen ständisch gegliederten Volksvertretungen, die nach dem Wiener Kongress 1815 in einigen deutschen Ländern entstanden. Dennoch: Auch dort, in den Landtagen von Baden oder Sachsen , konnte parlamentarische Erfahrung gesammelt werden. In diesen Kammern und ihrem Umkreis bildete sich jenes Freiheitspotenzial, das in den dreißiger Jahren für Unruhe und 1848 dann für den großen Aufbruch sorgte.
Viel ist geschrieben worden über die »Deutsche Revolution«, die tatsächlich Teil eines europäischen Umbruchs war, von Skandinavien bis Sizilien , von Paris bis Budapest. Man hat das Parlament in der Paulskirche zu Frankfurt am Main als weltfremd gescholten, das erste deutsche Grundgesetz von 1848 als wirkungslos abgetan. Auch wurde der entscheidende Fehler der Liberalen, vor dem Thron haltgemacht zu haben, oft getadelt. Und doch hinterließen jene zwei bewegten Jahre ein immenses demokratisches Vermächtnis, welches in dem dunklen deutschen Jahrhundert, das ihnen folgte, weiterwirkte.
Die Zäsur kam bald darauf. Nach dem preußischen Sieg im Krieg gegen Dänemark 1864 und dem Triumph über Habsburg 1866 konvertierten viele Bürger, darunter manch aufrechter Achtundvierziger, zu Bismarcks Gewaltpolitik. Fünf Jahre und einen dritten Krieg später gaben sie endgültig ihre Freiheit für die »nationale Einheit«. Andere, die standhaft blieben, sahen das mit Grausen. Solange die Deutschen dem preußischen Kommandoton gehorchen, schreibt Theodor Storm 1870, »so lange sind wir doch nur noch ein Volk von Knechten«.
Das Parlament des Kaiserreichs war in elementaren Rechten beschnitten. Der Kaiser konnte es jederzeit auflösen, den Kanzler durfte es nicht wählen, in militärischen Fragen blieb es ohnehin außen vor. Dennoch haben der Reichstag in Berlin und die Landtage großartige Parlamentarier hervorgebracht. Man denke an Ludwig Windthorst, den Zentrumsmann und Urahnen der CDU, der zu Bismarcks Gegenspieler wurde, an den Liberalen Eugen Richter, an den Sozialdemokraten August Bebel .
Ebenfalls Parlamentarier im Kaiserreich – Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung – ist Hugo Preuß gewesen. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der überfälligen Implosion der deutschen Monarchien entwarf er die neue Verfassung für das Reich. Von Anfang an zum Scheitern verurteilt, wie später gern behauptet, ist dieses zweite Grundgesetz, ist diese Republik von Weimar mitnichten gewesen. Sie kämpfte eindrucksvoll um ihre Chance. Ihre kulturellen und gesellschaftspolitischen Leistungen stehen in der deutschen Geschichte einzig da. Am Ende wich sie der Gewalt.

Es gibt keine geschichtsvergessenere Demokratie in Europa
Die Chronik der deutschen Demokratie bleibt eine faszinierende Geschichte. Es ist eine Geschichte der Aufbrüche und Niederlagen, des unentwegten Neubeginns. Eine Geschichte voll markanter Gestalten – Denker wie Kämpfer –, voll kompromissloser Lebenswege.
Doch wer kennt die Namen dieser Frauen und Männer? Ihre Schicksale? Sie kommen, obwohl in unseren Universitäten und historischen Instituten fleißig erforscht, in der Öffentlichkeit, im täglichen politischen Leben kaum vor. Es gehört zu den nachwirkenden Triumphen des Hitlerregimes, dass es ihm gelungen ist, diesen Teil der Geschichte aus dem kollektiven Bewusstsein der Deutschen zu löschen. Tatsächlich gibt es, die läppischen, verquälten Feierlichkeiten zu den diversen Jubeltagen der Republik belegen dies aufs Peinlichste, keine geschichtsvergessenere Demokratie in Europa als die deutsche.
Besonders schön und traurig ließ sich das 2007 am 200. Geburtstag Robert Blums erleben. Blum, der brillante Republikaner und vor Bismarck das politische Idol des Bürgertums (und der Arbeiterschaft!), war nach seiner Ermordung durch das Habsburger-Regime am 9. November 1848 in Wien von ganz Europa zum Märtyrer der Freiheit verklärt worden. Nichts davon ist geblieben, nichts davon wird noch erinnert. Es gab keine Stunde, keine Minute des Gedenkens – weder im Rat von Köln, seiner Vaterstadt, noch im Berliner Bundestag. Es gab keine Rede unseres redeseligen Bundespräsidenten, nicht einmal die winzige Ehre eines Sonderpostwertzeichens ward Blum zuteil. Auch in den Medien Schweigen. Die große liberale Süddeutsche Zeitung füllte just an seinem Geburtstag ihre Geschichtsseite mit einem Aufsatz »zum hundertjährigen Bestehen des Norwegischen Ruderclubs in Berlin«.
Die Republik hat gesiegt. Ihre Geschichte, die Geschichte ihres langen Kampfes aber wird öffentlich missachtet. Das ist rätselhaft. Das ist schade, vor allem für die Zukunft. Denn ob es ein Sieg für immer ist, »steht«, mit Marie Luise Kaschnitz zu sprechen, »noch dahin«. Wir wollen es hoffen, wissen aber auch, dass die menschliche Dummheit die einzige Ressource auf Erden bleibt, die wahrhaft unerschöpflich ist.