Referenzen

Nicht allzu häufig, doch durchaus deutlich, meistens aber ohne verdienten Widerhall, haben sich Repräsentanten unseres Staates, Journalisten und Wissenschaftler im politischen Raum zu unserer Demokratiegeschichte geäußert. Die Verankerung ihrer Worte in der Bevölkerung ist noch nicht gelungen.

 


Benedikt Erenz, "Die Zeit" vom 5. Juli 2018, aus dem Essay "Mehr Wiedervereinigung wagen"
"Wie viel deutsch-französische Zukunft ist möglich? Ein Blick zurück auf die Mainzer Republikaner ..."
"Viel ist geschrieben worden über das kurze kühne Experiment der Mainzer Republik. Bis heute wird gestritten, wie demokratisch es nun wirklich zuging, in jenen Tagen, welche Chancen sie gehabt hätte, wenn sie nicht schon im Juli 1793, nach Einnahme der Stadt durch die Reichstruppen, zerschlagen worden wäre.
Inzwischen herrscht Konsens, dass hier die Geschichte unserer Demokratie ihren Anfang nahm. 'Die Protagonisten der Mainzer Republik waren mutige Menschen', würdigte 2013 der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) im Deutschhaus, heute Sitz des rheinland-pfälzischen Landtages, die Republikaner von 1793. Sie 'gingen das Wagnis ein, frei zu denken', und setzten einen 'frühen Markstein in die widerspruchsvollen Anfänge deutscher Demokratie'.
Ähnlich sprach der Bundespräsident vor wenigen Wochen, dito im Landtag, als er den rheinischen Avangardisten seine Referenz erwies. 'Die Mainzer Republik markiert den Beginn des schwierigen deutschen Wegs zur parlamentarischen Demokratie', sagte Frank-Walter Steinmeier (SPD) in seiner viel beachteten Rede. 'Heute leben wir in Deutschland unter der besten Verfassung, die wir jemals hatten. Das haben wir auch denen zu verdanken, die sich in unserer Geschichte für die Ideen von 1789 eingesetzt haben, oft unter Einsatz ihres eigenen Lebens'.
Angst um ihr Leben mussten sie allerdings haben. Die Mainzer 'Klubbisten' und ihre Sympathisanten werden nach der Einnahme der Stadt von den bischöflichen Bütteln terrorisiert. Etliche, unter ihnen Caroline Schlegel, verschwinden im Gefängnis der Veste Königstein im Taunus, manche für Jahre."

 


Aus der Ansprache von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 19. März 2018 im Mainzer Landtag:

"
Die Mainzer Republik, die vor 225 Jahren vom Balkon des Deutschhauses ausgerufen wurde, sie markiert den Beginn des schwierigen deutschen Wegs zur parlamentarischen Demokratie. Es war, wie wir wissen, ein krummer und steiniger Weg, und das frühe demokratische Experiment in dieser Stadt steht in einzigartiger Weise für seine Widersprüche, Brüche und Rückschläge.
Ich bin überzeugt, nur ein differenziertes und kritisches Gedenken kann dazu beitragen, die demokratische Tradition unseres Gemeinwesens zu stärken. Wenn wir heute an die Mainzer Republik erinnern, dann erinnern wir uns an beides: an die erste freiheitliche und demokratische Bewegung, die es auf deutschem Boden gab, aber auch an die Schattenseiten des Regimes, das die Mainzer Demokraten dann mit Hilfe der französischen Besatzungskräfte ins Leben riefen.
Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie sich in Mainz und in Rheinland-Pfalz seit einigen Jahren verstärkt dafür einsetzen, die Erinnerung an diesen spannenden, aber auch ambivalenten Prolog der deutschen Demokratiegeschichte wachzuhalten. Ich wünsche mir, dass Sie auf diesem Weg weitergehen und auch neue Ideen für ein lebendiges Gedenken ausprobieren.
...
All das blieb nicht ohne Wirkung. Ideen und Aktionen der Mainzer Jakobiner stießen über die besetzten Gebiete hinaus bei demokratisch gesinnten Kräften auf Gehör, und sie beeinflussten auch die liberale Bewegung des Vormärz.
...
Der "Rheinisch-Deutsche Freistaat", der am 18. März 1793 ausgerufen wurde, war vor diesem Hintergrund noch keine mustergültige Demokratie. Aber sein Konvent, in dem sich erstmals gewählte Repräsentanten aus einigen Gemeinden der Region versammelten, war unbestreitbar Vorläufer eines modernen Parlaments und hat sich tief eingeschrieben in die deutsche Demokratiegeschichte.
...
Die Mainzer Jakobiner, sie stehen für mich vor allem für eines: Für den Willen zur Demokratie. Und diesen Willen, den brauchen wir auch heute und in Zukunft – hier in Mainz und in Rheinland-Pfalz, in Deutschland und in unserem vereinten Europa."

 


Den Stand der wissenschaftlichen wie politischen Diskussion fasste 2013 zusammen:

Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V., Dominik Kasper:

Wie steht nun die heutige Forschung zur Mainzer Republik? In der Geschichtswissenschaft hat sich heute Franz Dumonts Auffassung durchgesetzt, unter dem Begriff „die insgesamt neun Monate französischer Okkupation, in denen sich die Besatzungsmacht zusammen mit ihren deutschen Anhängern bemühte, Mainz und sein linksrheinisches Hinterland zu einer Republik umzugestalten und diese mit Frankreich zu vereinigen“ zu verstehen. Seine neun Thesen haben allgemeine Anerkennung in der Forschung gefunden. Der zentrale Punkt seiner Position ist, dass die Mainzer Republik sowohl ein französisches Expansionsunternehmen, als auch ein deutscher Demokratieversuch war. Was in den 1980er Jahren noch bestritten wurde, gilt heute ebenfalls als gesichert: Die Kontinuität auf personell-familiärer Ebene von der Mainzer Republik zum Hambacher Fest von 1832.
Die nachweisbar demokratischen Grundzüge des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents stehen heute im Mittelpunkt der Erinnerung an die Mainzer Republik. Mit einigem Abstand folgen die Wahrnehmung der herausragenden Rolle des berühmten Naturforschers und Mainzer Universitätsbibliothekars Georg Forster sowie die Belagerung von Mainz 1793 als europäisches Medienereignis und Tragödie für die Stadt. Eine Erinnerung an die Opfer von Deportation und Enteignung während der Mainzer Republik oder der Lynchjustiz an den Mainzer ‚Jakobinern‘ nach der Kapitulation der Stadt findet sich außerhalb der Forschungsliteratur allerdings kaum.

 


Aus der Ansprache von Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert am 18. März 2013 in Mainz:

"Ein würdiges und zugleich angemessen differenziertes Gedenken an die deutsche Revolutions- und Freiheitstradition ist nicht nur für den ehrlichen Umgang mit der eigenen Geschichte unverzichtbar, sondern auch konstitutiv für das Selbstverständnis der Nation und ihre demokratischen Traditionsbildung. Deshalb sind Ereignisse wie dieses (gemeint ist die "Mainzer Republik") heute so wichtig.
...
Es (gemeint ist das Land Rheinland-Pfalz) verdankt sich dem Mut von Menschen, die ausgehend von der in Mainz aufgenommenen Losung der Französischen Revolution und einem jahrhundertelangen Ringen ein Ziel nie aus den Augen verloren haben, das erst 200 Jahre später Wirklichkeit wurde: Ein deutscher Nationalstaat, rechtsstaatlich verfasst und und demokratisch legitimiert: Einigkeit und Recht und Freiheit".

 


Aus der Ansprache von Ministerpräsident Rudolf Scharping vor dem Landtag Rheinland-Pfalz anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der "Mainzer Republik" 1993:
"... Die Geschichte der Mainzer Republik hat trotz der knappen Zeitspanne, die sie umfasste, immer wieder zu heftigen Kontroversen und Diskussionen geführt. Schlaglichtartig kommt in den kurzen Monaten der Jakobinerzeit in unserer Stadt das komplizierte, lange Zeit gebrochene Verhältnis der Deutschen zur Demokratie zum Vorschein.
...
Deshalb habe ich ... auf die engen Verbindungen abgehoben, die damals im revolutionären Geschehen zwischen Mainz und Paris, zwischen den Ansätzen deutscher Demokratie und Republik und französischer Demokratie und Republik bestanden.
Die Mainzer Republik sollte uns Deutsche, wie ich meine, daran erinnern, welchen entscheidenden Beitrag unsere Nachbarn, allen voran die Französische Republik, für die Ausbreitung und die Festigung des demokratischen Denkens und einer freiheitlichen, politischen Ordnung erbracht haben.
...
Die scheinbare Episode der Mainzer Republik hilft uns, zu erkennen, daß die Idee der Freiheit keine nationalen Grenzen im überkommenen Sinne kennen darf."

 



Aus der Ansprache von Alfred Grosser
vor dem Landtag Rheinland-Pfalz anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der "Mainzer Republik" 1993:
"... Die großen Männer der Revolution (in Frankreich), das sind heute Condorcet und Sieyes, die Gemäßigten, die Gewaltlosen, die Schöpfer des Unterrichtswesens, der Gesetzmäßigkeit und von anderem mehr. Die Girondisten haben einen besseren Ruf bekommen, die Montagnards einen schlechten. Die Mainzer Republikaner wollten nicht im Namen der Republik Köpfe rollen sehen.
... das Deutschland von 1793 war noch nicht so gestaltet, dass die Mainzer Republikaner in ihrer Frankreich-Liebe ohne weiteres als Vaterlandsverräter dargestellt werden könnten!
...
Man versteht nicht, was Georg Forster als freier Bürger Frankreichs war, wenn man Artikel 116 Grundgesetz so auffasst, wie er in der Bundesrepublik heute aufgefasst wird.
...
Es gibt auch in der freiheitlichen Demokratie soziale Unfreiheiten. Aber 1793 wollten die Mainzer Republikaner, wie die französischen Revolutionäre, die Freiheit schlechthin, was hieß: Die sozial Unfreien müssen durch Aufklärung erst einmal alle Freiheiten wollen. - Natürlich ist das eine Illusion, aber eine Illusion, die mein Leben bestimmt ... Nicht durch Gewalt überzeugen zu wollen, war ein Novum zu einer Zeit, zu der die Kirchen noch weitgehend herrschten.
...
Was bedeutete denn das Wort Freiheit in der Devise der Französischen Revolution "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" für jemanden wie Georg Forster? Die Freiheit, für die Freiheit anderer zu kämpfen! Seine Freiheit einzusetzen im Sinne der Gerechtigkeit für andere: der Gleichheit, und für die Solidarität mit anderen: die Brüderlichkeit.
Die Frage ist: Was setzen wir denn den jungen und weniger jungen Leuten im Osten (Deutschlands) vor, die das ernst genommen haben, und denen, die auf dem Platz Tianammen gestorben sind, denen, die vor dem russischen Parlament - dem Weißen Haus in Moskau - in Gefahr waren, zu sterben, wenn nicht in letzter Minute die Panzer angehalten hätten, und denen, die in Leipzig oder Dresden auf der Straße gestorben wären, wenn Gorbatschow Honecker nicht am Schießen gehindert hätte?
Die Frage ist: Bieten wir ihnen diese Freiheit, für die sie beinahe gestorben wären? Die Antwort ist ein klares Nen. Warum? Wir haben alle einen Begriff der Freiheit verbreiten lassen, an den Georg Forster nicht gedacht hätte. Das ist die Freiheit, die uns jeden Tag 20mal von der Werbung vorgesetzt wird: "Freiheit ist, dich auszutoben. Freiheit ist, nur an dich zu denken. Freiheit ist, morgen das Gegenteil dessen zu tun, was du heute getan hast." Wenn das die Freiheit sein soll, für die die jungen Leute auf dem Platz Tianammen gestorben sind, dann ist da ein Irrtum oder eine enorme Täuschung vorhanden.
Ein Teil der Verbitterung vieler junger Leute in den neuen (Bundes-) Ländern ist, dass sie 1989 im Gegensatz zu vielen ihrer Eltern nicht vordringlich gehofft haben, es würde ihnen besser gehen, sondern dass sie eine Reihe von Prinzipien, die auf den deutschen Fernsehwellen als unsere Grundprinzipien verkündet wurden, respektiert würde. Wenn wir ihnen aber vorexerzieren, dass es nur um das Einzelwohl des Einzelnen geht, der nur an sich selbst zu denken braucht, der seine Freiheit nicht für Gerechtigkeit für andere, für Solidarität mit anderen einzusetzen hat, werden wir unsere Demokratie bald verspielt haben.
Ich glaube, Georg Forster und die anderen träumten nicht von einem bequemen Leben. Auch nicht davon, dass das Leben für sie das Höchste sein sollte: Waren sie doch bereit, ihr Leben für andere aufzuopfern. - Man kann manches in der Mainzer Republik negativ beurteilen, insbesondere den 'Anschluss' an Frankreich. Aber wir sollten vor allem heute an den Freiheitswillen denken, an den Sinn für soziale Gerechtigkeit, an die Hingabe für die Sache des Volkes. ..."

 



Aus der Ansprache von Bundespräsident Gustav Heinemann bei der Schaffermahlzeit im Bremer Rathaus am 13. Februar 1970:


„Ich glaube, daß wir einen ungehobenen Schatz an Vorgängen besitzen, der es verdiente, ans Licht gebracht und weit stärker als bisher im Bewußtsein unseres Volkes verankert zu werden.

Seit Jahren habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, … in den Landkreisen und Städten unseres Landes an Hand von Chroniken und Kirchenbüchern nachzuforschen, was es in den verschiedenen Landschaften … an freiheitlichen Regungen oder gar an örtlichen Aufständen gegeben hat. Es ist erstaunlich kümmerlich, was man dabei in der umfangreichen Produktion an Städtebüchern und dergleichen findet.

Mein Interesse gilt dabei nicht nur den Vorläufern und örtlichen Verästelungen der Revolution von 1848/49 wie etwa dem Hambacher Fest von 1832. …
Glücklicherweise hat es auch in Deutschland lange vor 1848 nicht wenige freiheitlich und sozial gesinnte Männer und Frauen gegeben, auch ganze Gruppen und Stände, die sich mit der Bevormundung der Herrschenden nicht abfinden wollten.

Einer demokratischen Gesellschaft, so meine ich, steht es schlecht zu Gesicht, wenn sie auch heute noch in aufständischen Bauern nichts anderes als meuternde Rotten sieht, die von der Obrigkeit schnell gezäumt und in Schranken verwiesen wurden. So haben die Sieger die Geschichte geschrieben. Es ist Zeit, daß ein freiheitlich-demokratisches Deutschland unsere Geschichte bis in die Schulbücher hinein anders schreibt.
Aber nichts kann uns hindern, in der Geschichte unseres Volkes nach jenen Kräften zu spüren und ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die dafür gelebt und gekämpft haben, damit das deutsche Volk politisch mündig und moralisch verantwortlich sein Leben und seine Ordnung selbst gestalten kann.
...
Traditionen sind mit anderen Worten keineswegs das Privileg konservativer Kräfte. Noch weniger gehören sie in die alleinige Erbpacht von Reaktionären, obgleich diese am lautstärksten von ihnen reden.“