Referenzen

Den Stand der wissenschaftlichen wie politischen Diskussion fasste 2013 zusammen:

Institut für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V., Dominik Kasper:

Wie steht nun die heutige Forschung zur Mainzer Republik? In der Geschichtswissenschaft hat sich heute Franz Dumonts Auffassung durchgesetzt, unter dem Begriff „die insgesamt neun Monate französischer Okkupation, in denen sich die Besatzungsmacht zusammen mit ihren deutschen Anhängern bemühte, Mainz und sein linksrheinisches Hinterland zu einer Republik umzugestalten und diese mit Frankreich zu vereinigen“ zu verstehen. Seine neun Thesen haben allgemeine Anerkennung in der Forschung gefunden. Der zentrale Punkt seiner Position ist, dass die Mainzer Republik sowohl ein französisches Expansionsunternehmen, als auch ein deutscher Demokratieversuch war. Was in den 1980er Jahren noch bestritten wurde, gilt heute ebenfalls als gesichert: Die Kontinuität auf personell-familiärer Ebene von der Mainzer Republik zum Hambacher Fest von 1832.
Die nachweisbar demokratischen Grundzüge des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents stehen heute im Mittelpunkt der Erinnerung an die Mainzer Republik. Mit einigem Abstand folgen die Wahrnehmung der herausragenden Rolle des berühmten Naturforschers und Mainzer Universitätsbibliothekars Georg Forster sowie die Belagerung von Mainz 1793 als europäisches Medienereignis und Tragödie für die Stadt. Eine Erinnerung an die Opfer von Deportation und Enteignung während der Mainzer Republik oder der Lynchjustiz an den Mainzer ‚Jakobiner‘ nach der Kapitulation der Stadt findet sich außerhalb der Forschungsliteratur allerdings kaum.

 

Nicht allzu häufig, doch durchaus deutlich, meistens aber ohne verdienten Widerhall, haben sich Repräsentanten unseres Staates zu unserer Demokratiegeschichte geäußert. Die Verankerung ihrer Worte in der Bevölkerung gelang offenbar nur teilweise.

 

Aus der Ansprache von Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert am 18. März 2013 in Mainz:

"Ein würdiges und zugleich angemessen differenziertes Gedenken an die deutsche Revolutions- und Freiheitstradition ist nicht nur für den ehrlichen Umgang mit der eigenen Geschichte unverzichtbar, sondern auch konstitutiv für das Selbstverständnis der Nation und ihre demokratischen Traditionsbildung. Deshalb sind Ereignisse wie dieses (gemeint ist die "Mainzer Republik") heute so wichtig.
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Es (gemeint ist das Land Rheinland-Pfalz) verdankt sich dem Mut von Menschen, die ausgehend von der in Mainz aufgenommenen Losung der Französischen Revolution und einem jahrhundertelangen Ringen ein Ziel nie aus den Augen verloren haben, das erst 200 Jahre später Wirklichkeit wurde: Ein deutscher Nationalstaat, rechtsstaatlich verfasst und und demokratisch legitimiert: Einigkeit und Recht und Freiheit".

 

Aus der Ansprache von Bundespräsident Gustav Heinemann bei der Schaffermahlzeit im Bremer Rathaus am 13. Februar 1970:

„Ich glaube, daß wir einen ungehobenen Schatz an Vorgängen besitzen, der es verdiente, ans Licht gebracht und weit stärker als bisher im Bewußtsein unseres Volkes verankert zu werden.

Seit Jahren habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, … in den Landkreisen und Städten unseres Landes an Hand von Chroniken und Kirchenbüchern nachzuforschen, was es in den verschiedenen Landschaften … an freiheitlichen Regungen oder gar an örtlichen Aufständen gegeben hat. Es ist erstaunlich kümmerlich, was man dabei in der umfangreichen Produktion an Städtebüchern und dergleichen findet.

Mein Interesse gilt dabei nicht nur den Vorläufern und örtlichen Verästelungen der Revolution von 1848/49 wie etwa dem Hambacher Fest von 1832. …
Glücklicherweise hat es auch in Deutschland lange vor 1848 nicht wenige freiheitlich und sozial gesinnte Männer und Frauen gegeben, auch ganze Gruppen und Stände, die sich mit der Bevormundung der Herrschenden nicht abfinden wollten.

Einer demokratischen Gesellschaft, so meine ich, steht es schlecht zu Gesicht, wenn sie auch heute noch in aufständischen Bauern nichts anderes als meuternde Rotten sieht, die von der Obrigkeit schnell gezäumt und in Schranken verwiesen wurden. So haben die Sieger die Geschichte geschrieben. Es ist Zeit, daß ein freiheitlich-demokratisches Deutschland unsere Geschichte bis in die Schulbücher hinein anders schreibt.
Aber nichts kann uns hindern, in der Geschichte unseres Volkes nach jenen Kräften zu spüren und ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die dafür gelebt und gekämpft haben, damit das deutsche Volk politisch mündig und moralisch verantwortlich sein Leben und seine Ordnung selbst gestalten kann.
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Traditionen sind mit anderen Worten keineswegs das Privileg konservativer Kräfte. Noch weniger gehören sie in die alleinige Erbpacht von Reaktionären, obgleich diese am lautstärksten von ihnen reden.“